Opheliaaufmacher

Dr. Ophelia Nick ist nicht nur Tierärztin, sondern setzt sich in Politik, Verbänden, als Hofbesitzerin und Autorin für eine lebendige Landwirtschaft ein. Im Interview mit Country-Reiten.de spricht sie über die Zukunft von Pferdebetrieben, die Auswirkungen der Gülleverordnung, Probleme bei Baugenehmigungen und die Entwicklung der Landwirtschaft im Allgemeinen.

Die sympathische und engagierte Frau hält Schafe und ist Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e. V. in NRW. Bei den Grünen steht sie zudem der Bundesarbeitsgemeinschaft Landwirtschaft & ländliche Entwicklung als Sprecherin vor. Sie sieht sich selbst als eine art „kleinbäuerlicher" Betrieb.
„Ich bin selbst „kleinbäuerlich“ unterwegs, wenn man 120 Schafe als kleinbäuerlich bezeichnet. In der Familie jedoch haben wir zwei Höfe, bei dem der eine mit knapp 60 ha, der andere aber mit über 150 ha am Bodensee schon in größeren Strukturen unterwegs ist. Der Unterschied von bäuerlichen zu industriellen Strukturen liegt weniger in der Größe und Anzahl der Tiere als viel mehr im menschlichen Verantwortungsbereich. Ab einer gewissen Größe, sagen wir mal 1.000 Kühe, oder über 1.000 ha, wird es schwierig, dass ein einzelner Mensch ohne Zuhilfenahme von Maschinen und Fremdarbeitern die Aufgaben erfüllen und die Verantwortung zum Beispiel für das Wohlbefinden des Tieres überblicken kann. Schließen sich dann mehrere Familien zusammen, ist das wieder möglich. Also kann man die Frage, wie genau sich bäuerliche Landwirtschaft definiert, zwar nicht pauschal beantworten, aber man kann schon sagen der Mensch als Teil der Landwirtschaft muss seiner Verantwortung gerecht werden können, denn er arbeitet mit der Natur und im Fall von Tieren mit fühlenden Wesen.“

Was muss sich ändern in der Landwirtschaft und speziell bei Pferdebetrieben?

„Ziel einer guten Landwirtschaft ist, gesunde Nahrung zu erzeugen, aber auch für eine lebendige und vielfältige Kulturlandschaft zu sorgen. Dabei spielen Pferde eine Rolle und tun dies einerseits als Reitpferde aber auch als Arbeitspferde in Fortbetrieben und bei der Feldbearbeitung. Die Arbeit mit Pferden in der Landwirtschaft kann man dabei als besonders schonend für Natur und Böden bezeichnen. Dazu werden alte Haustierrassen erhalten. Das Pferd wird anders als die anderen „Nutztiere“ wie Schwein, Kuh oder Geflügel oft besser behandelt, aber auch hier treten immer wieder schlimme Tierschutzverletzungen auf, gegen die angegangen werden muss!“

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Ich beobachte einen Trend, dass zwar öffentlich von einer Abkehr der großen Industrielandwirtschaft gesprochen wird, aber es in der Praxis für kleinere Betriebe, besonders im Außenbereich, zunehmend unmöglich wird, Dinge zu realisieren. Machst du diese Beobachtung auch?

Darin liegt - wie bei so vielem - der Teufel im Detail. Grundsätzlich ist der extensive, regionale und ökologische Markt ein stark wachsender Markt, trotzdem sind die Einkommens – und Realisierungsmöglichkeiten herausfordernd. Ich mache auch die Beobachtung, dass Nebenerwerbsbetriebe etwa Schwierigkeiten bei Genehmigungen haben. Auf der anderen Seite finde ich es auch wichtig, dass wir gerade im Außenbereich natürliche Flächen vor Verbauung und Zersiedelung schützen. Mir ist trotzdem sehr wichtig dass Neubauten, die einen höheren Standard für Tiere bedeuten, ohne dass die Tierzahl im Betrieb erhöht wird, genehmigt werden sollten. Zum Beispiel wenn ein Schweinestall mit Auslauf gebaut werden soll, auch wenn dann weniger Tiere gehalten werden, wird der Zubau der Fläche vergrößert. Diesen Kompromiss zu Gunsten von mehr Tierwohl und weniger Naturflächen sollte zugunsten der Tiere entschieden werden. Dazu sollten die Subventionen nicht für die Förderung von Größe und Masse, sondern für Qualität und Nachhaltigkeit, Klima- und Gewässerschutz und auch den Arten- und Tierschutz eingesetzt werden.

Insbesondere durch die neue Düngeverordnung (die ja grundsätzlich sehr sinnvoll ist) droht Pferdebetrieben von weniger als 12 bis 15 Pferden das Aus, weil sie, wenn sie keine priveligierte Landwirtschaft sind (was sie in dieser Größe meistens nicht werden können), keine Baugenehmigungen für größere Mistlagerstätten erhalten?

Die Düngeverordnung richtet sich nicht nach dem Verursacherprinzip und ist deshalb unfair. Pferdebetriebe und auch Ökobetriebe mit wenigen Vieheinheiten müssen nun teuer nachrüsten, auch in Ausbringungstechniken, Mistanlagen und weiterem. Dabei verursachen diese Betriebe, da sie im Kreislauf wirtschaften, oft nur wenig klimaschädliche Gase und Nitrateinträge in den Boden. Ganz im Gegenteil, sie sind sogar für die Insektenvielfalt eine Nahrungsquelle. Gerade kleine landwirtschaftliche Betriebe können diese Zusatzkosten nicht stemmen und geben auf. Dieser Missstand ist der Regierung bekannt, und deshalb muss in diesem Punkt dringend nach gesteuert werden, um Hofschließungen zu vermeiden. Die Düngeverordnung trifft deshalb die Landwirtschaft besonders stark, weil jahrelang in der Politik das Thema verschlafen worden ist. Nun trifft es kleine und auch große Betriebe in einer dramatischen Weise und treibt Landwirtinnen und Landwirte mit Recht auf die Straße. Deshalb müssen unsere Ernährung und die Landwirtschaft zukunftsfähig gemacht werden, auch da macht die Politik viel zu wenig!

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Gerade Pferdebetriebe, die extensiv arbeiten, werden dadurch benachteiligt, weil die Verwaltungen und Landwirtschaftskammern das als nicht nachhaltig im wirtschaftlichen Sinne bewerten. Was sollte dagegen getan werden?

Auch hier bin ich der Meinung, dass Pferdemist bis zu einem gewissen Maße nicht schädlich, sondern ganz im Gegenteil ein wertvoller Wirtschaftsdünger ist, der nicht von oben bis unten eingepackt werden muss. Verrückt ist doch, dass wir natürlichen Mist als schädlich empfinden und mit hohen und teuren Auflagen bedenken. Auf der anderen Seite erlauben wie einen hohen Einsatz von chemisch-synthetischen Dünger. Dazu kommt das Problem, dass wir nur begrenzte Flächen haben. Gerade in meiner Umgebung wird durch einen hohen Flächenverbrauch und wirklich vielen Reitställen, Landwirten und Landwirten kaum noch die Möglichkeit geboten, Flächen für einen realistischen, wirtschaftlichen Preis zu erwerben, oder zu pachten. Auch da finde ich es wichtig zu verstehen, dass natürliche Grünflächen eben kostbar sind. Allein in NRW verbauen wir 15 ha pro Tag! Das ist umgerechnet ein Pferdebetrieb. Das sind alle drei Tage ein Bauernhof, und oft handelt es sich um fruchtbarsten Boden. Ein vernünftiger Umgang mit unserer kostbaren Ressourcen wäre für die Zukunft sehr wünschenswert.

Generell ist zu beobachten, dass die Entscheidungen, was genehmigt wird und was nicht, bundesweit völlig uneinheitlich sind und auch innerhalb der Länder oft kaum nachvollziehbar erscheinen. Gerade die Landwirtschaftskammern entscheiden durch ihre Miteinbeziehung sehr darüber, wie sich Landwirtschaft entwickelt, da die Verwaltungen die Empfehlungen der Kammern oft 1 zu 1 umsetzen. Wer kontrolliert die Kammern und wie lässt sich eine Agrarwende dort realisieren?

Da sprichst du ein sehr diffiziles Problem an. Es gibt nicht in allen Bundesländern Landwirtschaftskammern. Die Landwirtschaftskammern organisieren sich autark, bekommen auch Aufgaben vom Land, werden aber nicht von denen kontrolliert. Da haben sich schon einige Minister dran versucht. Wir sind sicher alle der Meinung, dass die Landwirtschaftskammern in vielen Dingen einen wertvollen und guten Beitrag leisten. Und ich stimme deiner Beobachtung absolut zu, habe aber noch keine Lösung gefunden, sich da politisch direkt einzumischen. Jedoch kann durch eine andere Förderungspolitik und auch eine andere Gesetzgebung die Landwirtschaft hin zu mehr Arten-, Tier-, und Klimaschutz entwickelt werden. Dabei entstehen schöne Kulturlandschaften und eine gesunde Ernährung für uns alle. Es ist im Prinzip ziemlich einfach, sich gesund zu ernähren und sich selber etwas Gutes zu tun. Wenn wir alle auf eine gesündere, regionale und saisonale Ernährungsweis achten, tun wir gleichzeitig etwas für die Natur und die Bauernhöfe. Also direkt damit beginnen und sich gesund mit etwas weniger Fleisch ernähren.


Weitere Infos unter www.ophelia-nick.de

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